Wie die Pauschen auf das Seitpferd kamen

Geturnt wurde auf Pferden wohl seit dem sie geritten wurden.

Weit vor dem Aufkommen der heute bekannten Turnkunst bzw. des Votigierens gab es schon im Altertum Nachbildungen des Pferdes zur körperlichen Ertüchtigung und zu Vorübungen des Reitens. Heute in Verwendung ist vor allem das Pauschen- oder Seitpferd im Turnen sowie das Holz- oder Tonnenpferd im Voltigiersport. Deren Wurzeln und geschichtliche Entwicklung läßt sich wunderbar an alten Stichen und Zeichnungen ablesen.

Man sieht ganz eindeutig den Ursprung des Pausch- und Seitpferdes spätestens im 17. Jahrhundert. Es wurden Holzpferde angefertigt, um auf ihnen zu “voltigieren”, und das nicht einmal nur um sich unbedingt auf das Reiten vorzubereiten.

Im 1666 erschienenem Lehrbuch von Johann Georg Pasch (1628-1678) mit dem Titel “Vollständiges Fecht- Ringe und Voltigierbuch” tritt das Voltigieren am Holzpferd neben dem sportlichen Ringen als wesentliche Komponente der Ausbildung im Fechten in Erscheinung.

1666 – Vollständiges Fecht- Ringe und Voltigierbuch (Quelle: Österreichische Nationalbibliothek)

Umfangreich wurde das Fechten reklärt. Man erkannte ganz offensichtlich aber schon den Wert eines nicht einseitig auf den eigentlichen Sport ausgerichteten Trainings. So wurde ein erheblicher Teil der Fechtranleitung neben dem Ringkampf dem sortlichen “voltigieren” in diesem Werk gewidmet.

Man erkennt, dass schon damals die noch heute im Wettkampfsport gebrächliche Übungen in sehr ähnlicher Grundform schon praktiziert wurden.

 

Im Vergleich zu heute faszinierend ähnlich:

Turner am Pauschpferd

Das abgebildte Holzpferd hatte sich an den damals gebräuchlichen Sätteln orientierte, welche zur Stabilisierung des Reiters vorne und hinten hohe, querliegende “Pauschen” hatten. Diese wurden mit querliegenden Griffen am Holzpferd nachgebildet und von da an einer ständigen Weiterentwicklung unterzogen.

1678 – Wolberittener Cavallier: oder gründliche Anweisung zu der Reit- und Zaum-Kunst” von Georg Simon Winter von Adlersflügel; (Quelle:Österreichische Nationalbibliothek)

Somit erklärt sich also einerseits die Form der Griffe – abgeleiten von den Sattelpauschen, und dadurch auch der Begriff “Pauschpferd”.

Auch im darauffolgenden Jahrhundert wurde 1749 von Johann Andreas Schmidt im Lehrbuch “Gründlich lehrende Fecht-Schule oder Leichte Anweisung, auf Stoß und Hieb sicher zu fechten : Nebst einem curieusen Unterricht vom Voltigieren und Ringen” ganz ähnlich das Voltigieren als Unterstütung in der Fechtasbildung dokumentiert.

1749 – Johann Andreas Schmidt; Gründlich lehrende Fecht-Schule; Quelle: Bayrische Staatsbibliothek

Eine Postkarte von 1899 zeigt Soldaten beim Turnen auf dem Holzpferd. Die Griffe haben starke Ähnlichkeit mit jenen aus dem Werk von Alexander Doyle. Er verfasste 1720 das Lehrbuch: “Kurtze und deutliche Auslegung der Voltigierkunst”. Voltigieren und Turnen auf dem Pferd wurde bis ins 20. Jahrhundert hinein vor allem in der Soldatenausbildung eingesetzt.

1899 Postkarte voltigierende Soldaten

Quelle: Wikipedia

Das älteste erhaltene Turnpferd, mit dem bereits Jahn geturnt haben soll; Aufnahme aus dem Jahr 1931 (Quelle: Wikipedia)

Selbst auf dem Turnpferd, auf dem angeblich noch Turnvater Jahn geturnt haben soll erkennt man noch eindeutig die Griffe als Sattelpauschen.

Das Holzpferd veror mit der Zeit immer mehr die typische Form von Pferd und Sattel. Mit dem Einzug in den Turnsport in den 1900er Jahren wurde ihm dann endgültig eine rein funktionalen Form gegeben. Der gewölbte “Pferdehals” verschwand gänzlich, der “Pferderücken” wurde vollständig horizontal und gleich lange vor und hinter den “Pauschen”, welche sich zu ergonomischen Haltegriffen umwandelten.

Wie das Holzpferd wohl in 200 Jahren aussehen wird?

 

Alexander Kronsteiner
Fulfilled Horsemanship

SHARE THIS


One Response

  1. Raute Real
    6. Feber 2021

    Danke 😀, sehr aufschlussreich 👍