“Das Vorteil” – falscher Artikel oder was steckt reithistorisch dahinter?

 

Ja, Sie haben richtig gelesen, es handelt sich nicht um einen Fehler im Artikel. “Das” Vorteil (Vortheil) gab es – und gibt es eigentlich immer noch wirklich. Nur der Begriff ist sagen wir mal “aus der Mode gekommen”.

Es ist das “Theil” das (vermutlich von der Wand) “vor” steht. Von einem “Vortheil” aus kann man dann sehr gut und bequem für Reiter und Pferd aufsteigen. Mindestens schon seit dem 17.Jh. findet sich dieser Begriff in Werken der klassischen Reitkunst für die Bezeichnung als Aufstiegshilfe.

Auch als Vortel oder Vorthl geschrieben wird es in Wort und Bild von unterschiedlichen Zeitgenossen beschrieben. Ich zitiere ein paar promonente Beispiele.

1778 findet sich im Buch “” von unter anderm die Beschreibung dessen Ausführung.  Zur Illustration passend steht geschrieben (Quelle: Österreichische Nationalbibliothek):

Das IX Capitel – Wie man anfänglich den Herrn oder Cavalier, bei dem Vorthel solle unterweisen auf- und absitzen:
….
Hernach, wann das Pferd zum Vorthel geführt ist, welcher Vorthel mitten drey Schuh breit, fünffthalb Schuh lang, drey Schuh hoch, die ganze Länge aber samt den Stuffen neun Schuh lang seyn solle, kann der Bereuter den Herrn zum Pferd erstlich vorwärts führen….

Quelle: Österreichische Nationalbibliothek

Auch im Buch Unbekanntes aus der Spanischen Hofreitschule, erschienen im Olms Verlag wird das Vorthl mehrfach erwähnt. Die äußerst interessante Handschrift aus ca. 1700 ist unbekannten Ursprungs. Möglicherweise stammt das Werk aus der Feder von Oberbereiter Johann Christoph von Regenthal. Diese wurde mit viel Aufwand von Bertold Schirg transkripiert und gemeinsam mit Kurt Albrecht herausgegeben.

Im Auf- und Absitzen müssen alle Zügel sowohl von Cavezon als Zaum langgelassen, der Knopf an Zaumzügl zur Vermeidung eines Unglücks bis zu Ende desselben hinaufgezogen werden, damit der Scholar sich seiner Zügel sicher und frey bedienen kann; in solcher Positur muß er von Vorthl in Schritt vor sich reiten.

Eine weitere sehr hervorzuhebende Beschreibung kann man auf einem der bis heute berühmten Stiche von Johann Elias Ridinger (* 15. Februar 1698 in Ulm; † 10. April 1767 in Augsburg) bewundern. Er hat wie kein anderer die Reitkunst seiner Zeit in Bildern festgehalten. Dabei wurden nicht nur Lektionen oder Sprünge abgebildet, sondern durchaus auch auf den ersten Blick ganz profan wirkende Szenen festgehalten. So auch das Aufsteigen (in zwei Tempi) von einem Vortheil:

Bey dem Vortheil aufzusitzen zweyter Tempo (siehe Bildbeschriftung)

Quelle: 1760 – Vorstellung und Beschreibung derer Schül und Campagne Pferden nach ihren Lectionen / Bibliothèque nationale de France, département Arsenal, FOL-S-1793

Damals wie heute benutzen wir ReiterInnen also bis heute verschiedene Formen von Aufstigshilfen in Form irgendeiner erhöhten Plattform. Vielleicht sollten wir diese Aufstiegshilfen wieder “Vortheil” nennen – als kleine Reminiszenz an die Reitgeschichte, von deren Erungenschaften wir alle bis heute profitieren. Ich werde auf jeden Fall den Begriff von heute an wieder für unsere Aufstigshilfen verwenden.

Ihr Alexander Kronsteiner, Fulfilled Horsemanship

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